Bourquin, Peter – Über den Zwillingskult in Westafrika

Die Yoruba sind mit 20 Millionen Personen einer der grössten etnischen Volksstämme Afrikas. Sie leben hauptsächlich in Nigeria, sowie in Benin. Eine Besonderheit dieses Stammes ist, dass sie eine ausserordentliche hohe Anzahl an Mehrfachgeburten aufweisen, die viermal so häufig sind wie in Europa. Ungefähr eine von 23 Geburten ist eine Zwillings- oder Drillingsgeburt. Doch die fehlende sanitäre Versorgung und das höhere Risiko, das mit Geburten von Mehrlingsschwangerschaften einhergeht, sind Ursache einer hohen Sterblichkeit: die Hälfte der Zwillinge stirbt während der Geburt oder in der Kindheit.

Das Yoruba-Volk setzt sich aus vielen Stämmen, Gemeinschaften und Grossfamilien zusammen. Die Leitung einer jeden Grossfamilie (Sippe), die aus mehreren hundert Mitgliedern bestehen kann, liegt bei den Ältesten. Sein Wort hat innerhalb des Clans grosses Gewicht. Die Familie ist für den Yoruba von grosser Bedeutung. Sie bildet den Mittelpunkt seines Lebens. Eingeschlossen in den Kreis der Familie sind alle Lebenden und auch die toten Ahnen. Die Familiengemeinschaft gibt dem Yoruba Schutz und Rückhalt sowie grosszügige Unterstützung in allen Lebenslagen. Nach dem Glauben der Yoruba besitzt der Mensch nicht nur einen Körper und eine Seele oder Geist, sondern er hat auch eine Familienseele. Diese Familienseele, auch Ahnenkraft (ashe), verbindet alle Mitglieder einer Familie miteinander und macht sie voneinander abhängig. Das Wirken der Kraft (ashe) ist vielfältig: ashe zeigt sich in Glück, Gesundheit, Wohlstand und besonders in einer grossen Kinderzahl. Durch die Geburt eines jeden Kindes innerhalb der Familie wird ashe vermehrt, und sie „reinkarniert“ sich dauernd.*


(Quelle, siehe *)

Es ist nicht verwunderlich, dass in der traditionellen Kultur dieses Volkes Zwillinge eine besondere Rolle spielen. Nach dem Verständnis der Yoruba teilen Zwillinge eine Seele, die unteilbar ist. Stirbt ein Zwilling, zerbricht diese Einheit und bringt damit indirekt den überlebenden Zwilling in Todesgefahr. Um zu vermeiden, dass dieser seinem toten Zwilling nachfolgt, haben sie ein Ritual, das die Einheit der Seele der Zwillinge wiederherstellt, und zugleich der Trauer ihrer Mutter und Familie um das verlorene Kind Raum gibt. Die Eltern bestellen ein Ibeji, eine kleine Holzfigur, die zwischen 20 und 30 Zentimeter hoch ist. (In der Sprache des Volkes der Yoruba bedeutet „Ibeji“ Zwilling: IBI = geboren; EJI = zwei). Diese Figur stellt das verstorbene Kind dar, doch man gibt ihr die Erscheinung eines Erwachsenen, mit klaren Anzeichen des Geschlechts und der Stammeszugehörigkeit. Der Schnitzer wird mit Hilfe des Babalowo („Vater der Mysterien“) ausgewählt, dem Seher und Priester des Dorfes. Dieser entscheidet sich normalerweise für einen professionellen Holzschnitzer, aber es kommt auch vor, dass er den leiblichen Vater beauftragt, den Ibeji zu schnitzen.

Wenn die Figur fertiggestellt ist, vollzieht der Bablowo ein öffentliches Ritual, in dem er die Seele des verstorbenen Zwillings einlädt, in dem Ibeji zu bleiben. Ab diesem Moment wird der Ibeji behandelt und gepflegt, als ob der Zwilling in gewisser Weise lebendig ist. Die Mutter bietet ihm Nahrung an, wäscht ihn regelmässig, um ihm anschliessend mit einer Mischung aus Öl und Rotholzpulver den Körper einzureiben sowie mit blauen Pigment seinen Haarschmuck einzufärben, und in manchen Gegenden bekleidet sie ihn. Sie singt und betet für ihn, und es kommt auch vor, dass sie ihn mit sich trägt, eingewickelt in ihr Gewand. Es ist ein berührendes Bild zu sehen, wie der kleine Kopf eines oder zweier Ibeji aus der Tracht der Mutter herausschaut, wenn sie diese während des Tages bei sich trägt. Während der ersten Jahre wird der Ibeji neben dem Bett seiner Mutter aufbewahrt, doch im Laufe der Zeit wandert er auf den Ahnenaltar der Familie, der einen besonderen Platz im Haus hat. Die Verantwortung, sich um den Ibeji zu kümmern, liegt in erster Linie bei seiner Mutter, danach bei seinem lebenden Zwilling und den weiblichen Nachkommen der Familie.

Der Erstgeborene der Zwillinge heisst traditionell Taiyewo oder Tayewo, was oft zu Taiwo, Taiye oder Taye verkürzt wird. Dieser Name bedeutet: „der Erste im Schmecken der Welt“. Kehinde ist der Name des zweiten Zwillings, der „der danach kommt“. Man sagt, dass Kehinde Taiyewo vorausschickt, um zu sehen, wie das Leben dort draussen in der Welt ist. Dadurch geht Taiyewo voran und wird als erster geboren. In der Folge teilt er Kehinde mittels seiner Art des Schreis mit, ob ihm das Leben gut erscheint oder nicht. Von dieser Antwort hängt es ab, ob Kehinde lebend oder totgeboren wird. Beide kehren in die Welt ihrer Ahnen zurück, von der sie gekommen sind, wenn die Antwort von Taiyewo über den Eindruck der Welt für keinen der beiden gut genug ist. Von Taiyewo heisst es, dass er normalerweise unbekümmerter, spontaner und neugieriger sei, während Kehinde das intelligentere, bedächtigere, vorsichtigere Kind sein soll. (Ich habe allerdings an anderer Stelle auch das Gegenteilige gelesen). Nicht der erstgeborene Taiwo, sondern der zweitgeborene Kehinde gilt den Yoruba als das älteste Kind.

Zwillinge in seiner Familie zu haben, wird in grossen Bereichen Schwarzafrikas als ein Glück angesehen. Man glaubt, dass sie Mittler zwischen den Menschen und den Göttern sind und zugunsten ihrer Familie Einfluss nehmen können. Wenn beide Zwillinge während der Geburt sterben, werden daher zwei Ibeji geschnitzt, denn durch ihre Gegenwart segnen sie die Familie, sofern sie rituell gepflegt und verehrt werden. Man stellt auch einen zweiten Ibeji her, wenn der andere Zwilling während seiner Kindheit oder Jugend stirbt.

Wie in vielen anderen Völkern Schwarzafrikas, die in Zwillingen entweder Glücksbringer oder aber im Gegenteil Unglücksboten sehen, haben auch die Yoruba eine zwiespältige Haltung den Zwillingen gegenüber gehabt. In vergangene Zeiten glaubten sie, dass Zwillinge etwas Unnatürliches und Böses wären, für das es keine Erlärung gab, und Unglück über das Dorf brächte. In der Folge war es gebräuchlich, die Neugeborenen umzubringen. Dieser grausame Usus veränderte sich um das 18. Jahrhundert herum. Einer alten Legende zufolge fiel das Volk der Yoruba in eine tiefe Schwermut. Als daraufhin der König der Yoruba das Staatsorakel von Ifa befrug, befahl ihm dieses, sofort dem Töten der Zwillinge Einhalt zu gebieten, und lehrte ihm, dass diese nichts Schlimmes seien, sondern im Gegenteil Glücksbringer, da sie Mittler zwischen den Menschen und den Göttern seien. Ab diesem Moment begann der Kult, die Zwillinge und ihre Mütter zu verehren, was allmählich dem Kindsmord ein Ende machte. Eine andere Überlieferung besagt, dass die Ehefrau des legendären Königs Ajaka Zwillinge zur Welt brachte, und dieser daraufhin Befehle gab, die Tradition zu verändern, und dadurch seine Kinder zu retten.

In den Nachbarstämmen der Yoruba Nigerias, in dem Volk der Ewe in Togo, Benin und Ghana gibt es einen ähnlichen Kult, die Venavi. Diese Figuren werden ähnlich behandelt wie die Ibeji. Da man ihr Gesicht streichelt, während man mit ihnen spricht, verschwinden im Laufe der Zeit ihre Gesichtszüge. Diese Figuren sind häufig unvollständig, es fehlt ihnen oftmals ein Stück vom Fuss oder vom Arm. Das kommt von einem Heilungsritual her. Wird nämlich der lebende Zwilling schwerkrank, dann wird die Seele des Zwillings, der im Venavi wohnt, um Hilfe angerufen. Der Babalawo bereitet eine Medizin zu, die Späne des Venavi enthält. Tatsächlich erholt sich das Kind oftmals von seiner Erkrankung dank der Hilfe seines Zwillings.

Auch heute noch gibt es Länder, in denen die Zwillinge die Folgen des Aberglaubens ihrer Mitmenschen erleiden. Vor kurzem las ich eine Zeitungsnotiz: Die Geburt von Zwillingen ist in einigen Bereichen Madagaskars kein Anlass zur Freude, und das liegt nicht an wirtschaftlichen Gründen oder daran, dass es schwierig sein kann, zugleich zwei Kleinkinder aufzuziehen. Die Fady oder lokalen Tabus sind ein wichtiger Bestandteil des Alltagslebens auf dieser grossen Insel. In der Gegend um Mananjary ist der Glauben tiefverwurzelt, dass die Geburt von Zwillingen Unglück nach sich bringe. In der Folge werden die Eltern gedrängt, ihre Kinder voneinander zu trennen, sofern sie nicht von ihrer Nachbarschaft ausgeschlossen werden wollen. In den letzten zwanzig Jahren haben die beiden Waisenhäuser von Mananjari laut den Behörden 236 verlassene Zwillinge aufgenommen.

© Peter Bourquin,

veröffentlicht in Praxis der Systemaufstellung 1/2009

Literatur:

*„Doppel-Leben: Ibeji – Zwillingsfiguren der Yoruba“; Ausstellungskatalog missio Aachen; 1993;  Hirmer Verlag München.

„Ibeji – Zwillingsfiguren der Yoruba»; Mareidi und Gert Stoll; 1980.

„Ibeji- the cult of Ibeji twins“; George Chemeche; 2003; Editorial 5 Continents, Milan.